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Helmut Höge E.coli und Ich
Das heißt: wenn sie stets genug Nahrung vorfänden und nicht selbst gefressen werden würden. Bakterien sind nämlich selbst wiederum die Nahrungsgrundlage von anderen Mikroorganismen, vor allem den Protoctisten, die sich von ihnen dadurch unterscheiden, dass nicht nur die Zelle, sondern auch ihr Zellkern von einer Membran umhüllt ist. Bei den Bakterien schwimmen die Cromosomen, d.h. die Träger der Gene, frei im Cytoplasma ihres Zellinnern. Daneben fand man dort auch noch Gene von Archaebakterien: Diese wurden irgendwann einmal einverleibt - jedoch nicht verdaut, sondern in den Organismus integriert: als Organellen, d.h. Orgänchen. Die selben Arten gibt es daneben auch noch als freilebende. Man kann sogar feststellen, in welcher Reihenfolge sie von ihrer Wirtsbakterie einst "eingefangen" wurden. Dennoch spricht man hierbei von "Mutualismus" - auf Gegenseitigkeit beruhend. Die ersten, die derart "versklavt" ihre Autonomie verloren und dafür Nahrungssicherheit oder allgemein Risikominimierung eintauschten - weswegen man es "Symbiose" nennt - waren die Cyanobakterien, deren Chloroplasten das Sonnenlicht durch Photosynthese in nutzbare chemische Energie und Nährstoffe umwandeln - und außerdem die Mitochondrien, die in der Lage sind, mithilfe des Sauerstoffs der Luft aus Nährstoffmolekülen chemische Energie zu produzieren. Aus ersteren entwickelten sich über weitere intrazelluläre Symbiosen und Zellkoloniebildungen sowie -spezialisierungen die Pflanzen, aus letzteren die Pilze und die Tiere. Diese drei sozusagen letzten Stämme des Lebens vermehren sich jedoch nicht mehr durch Zellteilung, sondern im Gegenteil durch Verschmelzung - einer männlichen Samenzelle mit einer weiblichen Eizelle, aus denen dann ein neuer Organismus entsteht (in China nennt man diesen Moment Geburt). Meine E.coli-Bakterien sind demgegenüber ungeschlechtlich. Zudem ist Sexualität und Fortpflanzung bei ihnen getrennt. Mit ihrer Sexualität ist die Berührung oder Kommunikation zweier Individuen gemeint, bei der Gene übergeben werden. Dies geschieht durch direkten Körperkontakt oder mittels elastischer Proteinfäden, so genannter Sexual-Pili, die gleichsam aus der Distanz von einem Bakterium zum anderen hinüberwachsen, die Gene können aber auch - über eine noch größere Distanzen - durch einen Virus von einem zum anderen transportiert werden. Die bakterielle Fortpflanzung hat damit nichts zu tun. Diese geschieht durch Teilung jedes einzelnen Individuums, wobei sich seine Chromosomen sowie auch die integrierten Organellen im Zellplasma zuvor ebenfalls teilen müssen. Auf diese Weise ist das Bakterium unsterblich - und sozusagen direkt vor 3,5 Milliarden Jahren aus den ersten Urzellen entstanden. Der Bruch im Gedächtnis tritt erst mit der Verkopplung von Sexualität und Fortpflanzung ein. Ich erinnere nur an den Seufzer von Peter Rühmkorf: "Ach könnte man doch angelesene Eigenschaften vererben!" Und die Verkopplung, "Verschmelzungssex" von der Zellbiologin Lynn Margulis genannt, wird erst möglich und vielleicht auch notwendig - mit fortschreitender Endosymbiose der Bakterien.
Einmal kam es darüber zu einem Streit zwischen ihm und dem Nobelpreisträger Francois Jacob - beide erforschten das Leben am Beispiel von Bakterien. Ihr Streit resultierte daraus, dass für Jacob die E.coli plötzlich nicht mehr genug Individualität besaß, um sich ernsthaft weiter mit ihr zu beschäftigen. In seinem Buch "Die Maus, die Fliege und der Mensch" schrieb er: "Der Bakteriologe Alfred Hershey hatte zwar einmal scherzhaft angemerkt, dass für den Biologen das Glück darin besteht, ein sehr kompliziertes Experiment auszutüfteln und es Tag für Tag zu wiederholen, wobei er jedes Mal nur ein Detail abwandelt. Doch ich wollte eine Veränderung. Seit fünfzehn Jahren ließ ich nun schon ausgesuchte Bakterienpaare im Takt kopulieren. Diese Art von Übung hatte mir viel Befriedigung verschafft. Doch glaubte ich ihre Freuden ausgekostet zu haben. Ich hatte nichts dagegen, eine Art Guru der Sexualität zu werden, aber nicht der Bakteriensexualität. Auch fingen die Bakterien an, mir ein wenig unsichtbar, ein wenig farblos zu erscheinen. Ich wollte etwas Sichtbares, mit Hormonen, Leidenschaften, mit einer Seele. Ich wollte Tiere, denen man ins Auge blicken, die man individuell erkennen, ja benennen konnte. Und die fähig waren, einem auch selbst in die Augen zu blicken." Francois Jacob dachte dabei an weiße Mäuse, um die herum er ein ganzes Institut zu gründen beabsichtigte, während Jacques Monod bei den Kolibakterien bleiben wollte. In seinem
grundlegenden Werk "Die Logik des Lebenden" war Jacob sich
noch sicher gewesen: "In einem Lebewesen ist alles auf Fortpflanzung
hin angelegt" (programmiert). Und sich gefragt: "Von welch
anderem Schicksal könnten eine Bakterie, eine Amöbe, ein Farn
träumen, als zwei Bakterien, zwei Amöben, mehrere Farne zu
werden?" Ein Bakterium "träumt" davon, da war sich
Francois Jacob sicher, zwei zu werden. Zu den ersten Deutern dieses
Bakterientraum gehörte dann Jacobs Kollege am Collège de
France Michel Foucault. In einer Rezension des Buches schrieb er 1970:
Nun wissen wir, "dass die komplexeren Organisationsformen (mit
der Sexualität, dem Tode, ihrem Begleiter, den Zeichen und der
Sprache, ihren fernen Effekten) nichts anderes sind als Umwege, um immer
wieder die Reproduktion zu sichern." Das kam schon fast Heinz Sielmann
nahe, der ungefähr zur selben Zeit angesichts eines in der Sonne
tanzenden Mückenschwarm meinte: "Sie haben nur ein Interesse:
sich zu vermehren!" Wenn wir also nun unser Leben neu überdenken - nach dem Siegeszug des molekularbiologischen Denkens, dann müssen wir den Blick umdrehen - d.h. ihn durch unseren lichtlosen Schädel in unser Innerstes versenken: bis in das Gedärm...Und dort stoßen wir dann auf die Einzeller - u.a. Kolibakterien - die, wie erwähnt, nur davon träumen, sich zu verdoppeln. Dabei stellt sich dann laut Foucault die Frage: "So lange man es zu tun hat mit einem, relativ gesehen, so einfachen Organismus wie einem Bakterium, kann man dann wirklich von einem Individuum sprechen?" Präziser gefragt: "Kann man sagen, dass es einen Anfang hat, da es schließlich nur die Hälfte einer früheren Zelle ist, die ihrerseits die Hälfte einer anderen Zelle war und so weiter bis in die fernste Vergangenheit des ältesten Bakteriums der Welt?" Oder - in die andere Zeitrichtung gefragt: "Kann man sagen, dass es stirbt, wenn es sich teilt, zwei Bakterien Platz macht, die unabhängig bestrebt sind, sich alsbald ihrerseits zu teilen?" Seit Francois Jacob wissen wir, was ein "Bakterium" ist: "eine Reproduktionsmaschine, die ihren Reproduktionsmechanismus reproduziert, ein Erbmaterial, das sich um seiner selbst willen ins Unendliche vermehrt, reine Wiederholung vor der Singularität des Individuums. Im Verlauf der Evolution war das Lebende eine Verdopplungsmaschine, bevor es ein individueller Organismus wurde." Darüberhinaus wissen wir jetzt auch, was das "Auftreten eines Individuums" evolutionär zur Voraussetzung hat: "das Prinzip der geschlechtlichen Fortpflanzung". Der daraus entspringende individuelle Lustgewinn hat aber seinen Preis: "die Geburt und den Tod der Individuen" - sie sind "die Lösung, die die Evolution wählte, um die geschlechtliche Fortpflanzung zu begleiten. Der Tod, sagt Francois Jacob, ist 'eine im genetischen Programm ex ovo vorgeschriebene Notwendigkeit'." Für die Bakterie gilt das noch nicht: Unser großer Traum von Unsterblichkeit ist mithin für E.coli fast ein Dauerzustand, denn sie teilt sich alle zwanzig Minuten - bei günstigen Lebensbedingungen: z.B. im Labor in einer Nährlösung aus Mineralsalzen und einer organischen Verbindung, die aus einer Kohlenstoffquelle und als Energieträger dienendem Zucker bestehen kann, aber auch aus einer Fleischbrühe. Dieser Einzeller ist wie wir ein Allesfresser. Auf elektronenmikroskopischen Photographien sieht E.coli sack- bzw. stäbchenförmig aus, wobei diese Form durch ihre Zellwand bestimmt wird, die mit einer zweischichtigen Membran ausgekleidet ist. Jacob erklärt dazu: "Die für den Durchgang gewisser Substanzen undurchlässige Membran verhindert, dass aus der Zelle Moleküle entweichen, die sie selber produziert. Hingegen läßt sie gewisse anorganische Salze ohne Hindernisse zirkulieren. Außerdem kann die Bakterienzelle mit Hilfe einer Art von in die Membran eingebauten Pumpen bestimmte Verbindungen absorbieren und konzentrieren - wie gewisse Zucker, die sie im Milieu findet und die für ihren Metabolismus notwendig sind," d.h. sie wandelt die ursprünglich in der Glukose vorhandene Ordnung in chemische Energie um. "Ansonsten scheint der Sack nur einige Tausende kleiner Partikeln von homogener Größe und kugelartiger Gestalt zu enthalten: dort werden die Proteine synthetisiert. Beim Öffnen des Sacks findet der Chemiker einige Tausende verschiedener Molekülarten." Obwohl noch nicht alle Winkel von E.coli erforscht sind, macht sie alles in allem einen primitiven Eindruck, meint Jacob, fügt jedoch hinzu: Man darf "Einfachheit" nicht mit "archaischem Alter verwechseln und die Bakterienzelle als lebendes Fossil, das heißt als unseren gemeinsamen Vorfahren betrachten, denn jedes Lebewesen, Bakterium oder Säugetier, ist das Ergebnis einer Evolution von Milliarden Jahren." Wenn wir E.coli durchs Mikroskop betrachten, liegt dahinter eine zwei Milliarden Jahre oder noch längere Geschichte, "die für das Verstehen des Systems ebenso notwendig ist, wie die Kenntnis seiner Struktur". Kann es demnach sein, dass E.coli manchmal auch von einem früheren Leben träumt, von einer noch einfacheren Teilung vielleicht? Und dies um so mehr, als einige Arten sich nicht nur vegetativ, sondern - wie wir auch - geschlechtlich vermehren und sogar in toto miteinander verschmelzen, d.h. fusionieren können (noch ein Traum - auch von uns) . Und wenn wir die Individualität erst mit dem Gebrauch von Geschlechtswerkzeugen beginnen lassen, also mit der Paarung zwecks Gentransfer, muß man nicht E.coli trotz seiner "starren Zellwand" und zweischichtigen Membran noch als von seinem Milieu, der Umwelt (die z.B. aus dem Darminhalt oder der Nährlösung in einer Petrischale bestehen kann) ungetrennt begreifen? Sie sind in der Lage, so wie unsere Körperzellen'auch, untereinander zu kommunizieren und sich z.B. über ihr Populationswachstum zu verständigen - die Biologen nennen das "quorum sensing" (ein Sinn, mit dem sie Beschlußfähigkeit herstellen). Und wenn sie mit ihrer Umwelt eins und ungetrennt sind, träumt dann nicht der ganze Inhalt des Darms oder der Petrischale, in der etliche Milliarden Kolibakterien schwimmen (weswegen man ihre Lebensäußerungen nur statistisch erfassen kann)? Man könnte noch weiter gehen: E.coli ist Teil der Darmflora, ein für unser Verdauungssystem notwendiger "Symbiont", der jedoch in einigen Varietäten auch zu einem "Parasiten" werden kann - zumindest wird er von den Ärzten und der Reinigungsmittelindustrie als ein solcher begriffen und bekämpft. Nun weiß man aber spätestens seit Michel Serres, daß "die besten Wirte manchmal auch die besten Parasiten sind". Für Serres stellte sich dabei die Frage, ob nicht jede Forschung eine "Parasitologie" ist und ob die parasitären Verhältnisse nur "der pathologische Auswuchs irgendeines Gebietes sind oder ganz einfach das System selbst"? Letzteres könnte bedeuten, dass E.coli unsere Träume sozusagen mitträumt oder sogar -trägt, mindestens darin vorkommt: und sich z.B. schon freut, wenn wir uns nach einigen Tagen Magermilchdiät entschlossen haben, eine deftige Fleischbrühe zu essen. Umgekehrt weiß ich von meiner eigenen inneren Bakterienkultur z.B., dass sie es nicht mag, wenn ich ihr auf nüchternem Magen nach einem langen Arbeittag gleich mit Rotwein komme, obwohl genug Nährstoffe darin enthalten sind.
Bei diesen grasfressenden Wiederkäuern entdeckte man vor einiger Zeit ein anderes Phänomen: Wenn man die Kolibakterien schon fast als Teil unseres Dickdarms bezeichnet, dann gilt dies noch mehr für Kühe: ihre Verdauungsorgane, speziell der Pansen, sind derart voll mit celluloseabbauender Bakterien, dass man laut Lynn Margulis gut und gerne sagen kann: "Sie sind die Kuh." Das Methan, das diese Bakterien bei ihrer Verarbeitung des Grases im Pansen freisetzen, kann der Körper nicht absorbieren, er gibt es deswegen durch Furzen und vor allem Rülpsen frei - und das in solchen Mengen, dass man die Kühe dieser Welt fast für den gesamten Methananteil in der Atmosphäre verantwortlich machen kann. Agrobiologen wollen diesen Anteil jetzt mit Bakterien aus Känguruhmägen reduzieren: Die ebenfalls pflanzenfressenden Känguruhs produzieren wegen dieser speziellen Bakterien in ihren Vormägen kein Methan. Als erstes Agrarland will Dänemark damit das Klima verbessern. Allein die dänischen Kühe geben pro Jahr 140.000 Tonnen Methangas in die Atmosphäre ab. Zurück zu unseren Darmbakterien. Ihre Furzgasproduktion ist zu gering, um das globale Klima groß zu beeinflussen, höchstens das Mikroklima eines Zimmers. Aber mit einem nachträglichen Kontrollblick in die Kloschüssel könnte man vielleicht die jeweilige Befindlichkeit seiner Kolibakterien "entschlüsseln". D.h. sofern man noch einen der einst von den Nazis durchgesetzten "Flachspüler" benutzt - und keinen Tiefspüler: wie alle anderen zivilisierten Völker. Der korsische Naßzellenforscher Guillaume Paoli spricht deswegen bei dieser Form der Entsorgungs-Zwischenlagerung von einem "deutschen Sonderweg zum Gully", die nur langsam - infolge der Amerikanisierung - verschwindet. Die (japanische) Zukunft liegt hier bei der durch Annäherung an das Becken über einen photolektrischen Mechanismus ausgelösten Wasserspülung, bzw. beim Aufstehen von der Schüssel: "Das ist eine 'neue Aussage' und die Gewißheit, dass es keine Ohnmacht gibt, außer durch Depression," meinte dazu der Philosoph J.F.Lyotard, dem diese neumodischen Becken, die er das erste Mal auf der Toilette des Fachbereichs Informatik der Universität Aarhus benutzte, Beweis dafür waren, "dass es keine primitiven Gesellschaften gibt". Und in der Tat hat sich auch unter den Biologen langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass es keine Höherentwicklung von einfachen zu immer komplizierten Organismen gibt. E.coli ist auch schon verdammt kompliziert, je mehr man darüber forscht, desto mehr Rätsel gibt es auf. Mit der Zeit ist dabei in der gentechnisch ausgerichteten Molekularbiologie die darwinistische Begrifflichkeit - Mutation, Selektion, Konkurrenz etc. - mehr und mehr einer larmarckistischen gewichen: Koevolution, Kooperation, Koloniebildung und Mutualismus (so nannte auch der Anarchist Proudhon seine Utopie). Etwas zurückhaltender ausgedrückt: Während die einen fortfahren, den idealtypischen American Way of Life" auf die Natur projizieren, sehen die anderen ihre anarcho-syndikalistischen Lebensprinzipien durch die Ergebnisse der neueren Zellforschung bestätigt - die im übrigen bereits von Kropotkin 1900 vorausgesagt wurden.
Diese Wendung in der Lebensforschung, die Darwinismus und Intelligent Design als die zwei Seiten einer sektiererischen Komplementärideologie erscheinen läßt, geht ebenfalls auf russische Wissenschaftler zurück: die "Gaia-Hypothese" auf den Begründer der Biospährentheorie Wladimir Iwanowitsch Wernadsky, der bis zu seinem Tod 1945 Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UDSSR war; und die "serielle Endosymbiontentheorie" auf die Botaniker Konstantin Mereschkowski, Andrej Famintsyn und Boris Kozo-Polyansky, deren Symbiose-Forschungen (u.a. an Flechten, die aus Algen und Pilzen bestehen, die sich zusammengetan haben) bereits um 1900 formuliert wurden, zur selben Zeit, da Pjotr Kropotkin im englischen Exil sein Buch "Mutual Aid" veröffentlichte. Mereschkowski ging 1917 ins Exil - in die Schweiz. Der geistige Kern dieser Theorien entstand schon bedeutend früher in Russland - er wurde mitunter als "Lamarxismus" bezeichnet und kennzeichnete für lange Zeit das Ideengebäude der russischen Intelligenzija. Ich möchte behaupten - bis heute, auch wenn die Intellektuellen von den Bolschewiki als "klassenfremde Elemente" teils liquidiert und verbannt teils als Staatsfunktionäre korrumpiert wurden. Wiewohl man gemeinhin die Herausbildung der Intelligenz als "klagende Klasse" mit Emile Zola anheben läßt, erreichte sie etwa zur gleichen Zeit im "rückständigen Rußland", wo sie am konsequentesten die Partei der "Erniedrigten und Beleidigten" (Dostojewski) ergriff, ihre stärkste moralische Kraft. Nirgendwo sonst auch wurde sie derart verfolgt, wobei - beginnend mit den Dekabristen - Zigtausende nach Sibirien verbannt wurden, emigrierten oder starben. Allein mit den Grabsteinen der "dahingeopferten" revolutionären Jüdinnen hätte man den langen Weg von Paris nach St. Petersburg säumen können, meinte die marxistische Frauenforscherin Fannina W. Halle 1932. Was sich trotzdem aus diesem Typus in Rußland an Studentenprotest, Frauenbewegung, Kommunen und Terrorismus entwickelte, nahm die westeuropäische 68er-Bewegung und ihren weiteren Verlauf - 100 Jahre vorher bereits - vorweg. Aus dem Kreis der berühmten "Männer und Frauen der Sechzigerjahre" die "ins Volk" gegangen waren, um vor allem auf dem Land die Bauern zu agitieren, bildete sich die Redaktionsgruppe der illegalen Zeitung "Zemlja i Volja" (Land und Freiheit), in der zunächst noch die unterschiedlichsten revolutionären Ideen koexistierten. Auf einem Treffen in Woronesh kam es 1879 jedoch zu einer Spaltung: Während die einen, um Nikolai Alexandrowitsch Morosow, für den politischen Mord votierten, lehnten die anderen, um Georgi Plechanow und Vera Sassulitsch, Attentate strikt ab. Obgleich letztere 1878 selbst ein kühnes Attentat verübt hatte, indem sie den Stadtkommandanten von St. Petersburg niederschoß, weil der einen ihrer Genossen im Untersuchungsgefängnis wegen mangelnder Ehrerbietigkeit ihm gegenüber auspeitschen ließ - ungeachtet der Gerichtsreform von 1863, mit der Körperstrafen weitgehend verboten worden waren. In einem aufsehenerregenden Gerichtsprozeß (dessen Plädoyers Dostojewski später in seinen Roman "Die Brüder Karamasow" einarbeitete) wurde Vera Sassulitsch freigesprochen. Das Urteil hob man zwar wenig später wieder auf, aber ihr gelang rechtzeitig die Flucht ins Ausland. Die Tat und der Freispruch machten sie in ganz Europa berühmt, man nannte Vera Sassulitsch "die Mutter des Terrors", während sie selbst sich im Exil mehr und mehr von jeglichem "Attentismus" abwandte. Ab 1900 gab sie mit Lenin zusammen die Zeitschrift "Iskra" (Der Funken) heraus. Die Militanten von Woronesh hatte ihren Zusammenschluß "Narodnaja Volja" (Volkswille) genannt, die Gemäßigten für sich den Namen "Cernyi Peredel" gewählt - schwarze Umverteilung, womit eine gerechte Verteilung des schwarzen, d.h. bewirtschaftbaren Bodens an die Bauern gemeint war. Dabei wollten sie an der altherbebrachten Form der bäuerlichen Selbstbestimmung, der Dorfgemeinschaft (Obschtschina), anknüpfen, die den Gemeinschaftsbesitz an Boden verwaltete. Zunächst studierte diese Gruppe um Plechanow in ihrem Exil jedoch vor allem die Schriften von Marx und Engels, die sie teilweise ins Russische übersetzten. 1881 schrieb Vera Sassulitsch einen Brief an Karl Marx: "Verehrter
Bürger! Marx gab sich große Mühe bei der Beantwortung des Briefes von Vera Sassulitsch - er lernte sogar Russisch, um dabei einige Originalquellen heranziehen zu können. Schließlich schrieb er ihr - auf Französisch: In Westeuropa sei die "Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln", die "Expropriation der Ackerbauern" ausgehend von England mit "historischer Unvermeidlichkeit" vollzogen worden, aber in Russland könnte "die Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands" sein. Nur "müsste man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen". Der Ackerbaugemeinde wohnt laut Marx ein Dualismus inne, der "sie mit großer Lebenskraft erfüllen kann, denn einerseits festigen das Gemeineigentum und alle sich daraus ergebenden sozialen Beziehungen ihre Grundlage, während gleichzeitig das private Haus, die parzellenweise Bewirtschaftung des Ackerlandes und die private Aneignung der Früchte eine Entwicklung der Persönlichkeit gestatten, die mit den Bedingungen der Urgemeinschaft unvereinbar ist. Aber es ist nicht weniger offensichtlich, dass der gleiche Dualismus mit der Zeit zu einer Quelle der Zersetzung werden kann." Neben dem Privateigentum "in Gestalt eines Hauses mit seinem Hof" könnte sich insbesondere "die parzellierte Arbeit als Quelle der privaten Aneignung" zersetzend auswirken: "Sie läßt der Akkumulation beweglicher Güter Raum" und "dieses bewegliche, von der Gemeinde unkontrollierbare Eigentum, Gegenstand individuellen Tausches, wobei List und Zufall leichtes Spiel haben, wird auf die ganze ländliche Ökonomie einen immer größeren Druck ausüben. Das ist das zersetzende Element der ursprünglichen ökonomischen und sozialen Gleichheit. Es führt heterogene Elemente ein, die im Schoße der Gemeinde Interessenkonflikte und Leidenschaften schüren, die geeignet sind, zunächst das Gemeineigentum an Ackerland, dann das an Wäldern, Weiden, Brachland etc. anzugreifen, die, einmal in Gemeindeanhängsel des Privateigentums umgewandelt, ihm schließlich zufallen werden." Die noch
quasi urkommunistisch organisierte Obschtschina auf Basis einer weitgehenden
Subsistenzwirtschaft hatte man - und das bis in die jüngste Zeit
- auch immer wieder von oben zu zerschlagen versucht, d.h. von der Zentralmacht
aus, weil dieser der Prozeß der inneren Zersetzung der Obschtschina
nicht schnell genug voranschritt. Das geschah einmal mit der Landreform
von 1861, nach der die von der Leibeigenschaft "befreiten"
Bauern sich zugleich bei den Gutsbesitzern verschulden und damit verdingen
mußten. Dann unter dem Druck der Revolution von 1905/07 mit den
Stolypinschen Agrarreformen, die den sozialen Differenzierungsprozeß
beschleunigen sollten und es jedem Gemeindemitglied ermöglichten,
seinen Landanteil zu verkaufen und wegzuziehen. Schließlich ab
1928 mit der Verstaatlichung des gesamten Landes und der Kollektivierung
der armen und Mittelbauern bei gleichzeitiger Liquidierung der als ausbeuterisch
klassifizierten Kulaken. Aus der Obschtschina wurden dabei Kolchosen
und Sowchosen und aus freien Bauern befehlsempfangende Landarbeiter,
denen man ab 1932 sogar den Paß abnahm, ohne den sie ihr Dorf
nicht verlassen durften. Auf die in Vera Sassulitschs Brief aus dem Jahr 1881 enthaltene Frage, warum ein revolutionärer Kampf für den Erhalt der russischen Dorfgemeinschaft sinnvoll sein könnte, schrieb Marx: "Ich antworte: Weil in Russland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umständen, die noch in nationalem Maßstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesenszügen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Maßstab entwickeln kann." Unter Alphabetisierung, Aufklärung und politische Agitation auf dem Land verstand man auch und vor allem die Vermittlung agrarwissenschaftlicher Kenntnisse und Techniken. Dabei bildete das Studium der Schriften von Lamarck und Darwin sozusagen die Grundlage. Letzterer hatte sich nach 1859 immer mehr an die teleologische Evolutionstheorie von Lamarck angenähert, wobei dieser Aspekt in der russischen Rezeption von vorneherein betont worden war. So griff Darwin z.B. bei seiner "Erklärung der Evolution des Menschen und seines Verhaltens" auf die lamarckistische "Hypothese der Vererbung erworbener Eigenschaften" zurück, erst recht dann in seiner 1871 erschienenen Schrift "Die Abstammung des Menschen durch natürliche Zuchtwahl", in der es heißt: "Das höchste Element der menschlichen Natur" wurde und wird "entweder direkt oder indirekt durch die Folgen von Gewohnheit, Geisteskräften, Belehrung, Religion etc. vorangetrieben, viel mehr als durch die natürliche Auslese". Dieser "Lamarckismus" half ihm, wie der Biologiehistoriker Torsten Rüting sagt, "sicher zu stellen, dass der Fortschritt unweigerlich, kontinuierlich und auf einen Zweck gerichtet voranschreitet" - am Ende also die Tugend triumphiert! Das mußte
auch und gerade der Arbeiterbewegung gefallen: Wenn nicht einmal in
der Natur die Dinge mehr ewig und unveränderlich waren, dann erst
recht nicht in der Gesellschaft - sie stellten Darwin gewissermaßen
vom Kopf auf die Füße. So bestand etwa Moses Hess darauf,
"daß auch die selbständige Entwicklung der menschlichen
Gesellschaft den Naturgesetzen der Entwicklung unterworfen ist".
Die Theoretiker der Arbeiterbewegung "trafen sich in diesem Punkt
mit jenen bürgerlichen Autoren, die den bestehenden feudalen Strukturen
kritisch gegenüberstanden und in der Evolutionstheorie eine weltanschauliche
Waffe für ihren Kampf um die Modernisierung und Demokratisierung
sahen," schreiben Kurt Bayertz und Wolfgang Krohn in einem Aufsatz
über Friedrich Engels Schrift "Dialektik der Natur",
weiter heißt es bei ihnen: "...wenngleich jedoch auch für
Engels kein Zweifel daran besteht, daß die menschliche Geschichte
nur die Fortsetzung der Naturgeschichte ist, so wendet er sich doch Dennoch
ist der Unterschied zwischen (Darwinscher) Naturgeschichte und menschlicher
Kulturgeschichte für Engels kein absoluter, weil "die unkontrollierten
Kräfte" auch in der menschlichen Geschichte noch immer "weit
mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten...Darwin
wußte nicht, welch bittere Satire er auf die Menschen und besonders
auf seine Landsleute schrieb, als er nachwies, daß die freie Konkurrenz,
der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste geschichtliche
Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Tierreichs ist." Für
Engels, ebenso wie auch für August Bebel, hebt deswegen nur eine
bewußte, planmäßige Produktion den Menschen aus der
Tierwelt heraus: Dessen Anfänge sich natürlich gemäß der 3. Marxschen Feuerbachthese noch selbst "umerziehen" müssen. Dazu wußte z.B. die Terroristin Vera Figner, die bis zu ihrer Verhaftung im Vorstand der "Narodnaja Wolja" aktiv war, aus eigener Gefängnis-Erfahrung mitzuteilen: "Ich glaube, es ist unmöglich, in langjähriger absoluter Einzelhaft psychisch intakt zu bleiben, nicht wahnsinnig zu werden. Doch daß man nach einem langjährigen Aufenthalt in einer Gemeinschafts-Zelle seine Seele noch intakt bewahrt, scheint mir einzig und allein mit Hilfe einer großen Selbstdisziplin und Umerziehung möglich..." Es Vera Figner gleich tuend, nahmen derart viele Russinnen im ausgehenden 19. Jahrhundert ein solches "Projekt" in Angriff, "dass die Frau in Rußland überhaupt zur Seele der Revolution" wurde, wie eine ihrer Historikerinnen, Fannina Halle, schrieb. Dem lebenslänglich verbannten Dichter Tschernyschewski kommt dabei der Verdienst zu, mit seinem Roman "Was tun?", den er 1863 in der Peter-Pauls-Festung verfaßte, eine Antwort darauf gegeben zu haben, wie sich die Frauenfrage aus der Theorie in die Praxis umsetzen ließe. "Wir lasen sein Buch mit gebeugten Knien", erinnerte sich ein ebenfalls nach Sibirien Verbannter, der sich davon mit etlichen anderen zum Terrorismus hatte inspirieren lassen. In Tschernyschewskis Werk "Was tun?", geht es darum, dass eine Frau aus dem Familienleben ausbricht, um wirtschaftlich unabhängig zu sein und einen sozialen Wirkungskreis zu haben. Dazu gründet sie einen "auf kaufmännischer Grundlage aufgebauten kommunistischen Artel - als erste Zelle eines zukünftigen sozialistischen Staatsorganismus". Nach Erscheinen des Buches, das einen "Sturm" auslöste, befürchteten Eltern und Ehemänner, dass ihnen die Töchter bzw. Ehefrauen weglaufen würden - was tatsächlich hier und da auch geschah, so entstanden an vielen Orten "Arbeitsgenossenschaften". In der Hauptstadt lebten die Frauen in sogenannten Petersburger Kommunen - zusammen mit Studenten. Hier begannen sie mit der Agitation unter Fabrikarbeitern, wobei einige der Frauen bald, "mit falschen Bauernpässen" versehen, anfingen, in Textilfabriken zu arbeiten. Über
die damalige Rezeption der Darwinschen Theorie in Russland schreibt
der Biologiehistoriker Torsten Rütting: "Während Darwins
'Origin of Species' in der schwerfälligen Übersetzung des
Botanikprofessors Sergej Raschinskij mit ihren detaillierten wissenschaftlichen
Beschreibungen nur eine kleine Schicht von Gelehrten ansprach",
wurde vor allem eine umfangreiche Interpretation seiner Schriften von
Dimitrij Pissarew berühmt, die "unverkennbar den Stempel der
radikalen Bewegung" trug. Der junge Publizist schrieb sie während
einer mehrmonatigen Festungshaft, wo er in einer Einzelzelle direkt
neben Tschernischewski saß, wie Wladimir Nabokov in seiner Biographie
über diesen hervorhob. Pissarew veröffentlichte seine Darwin-Interpretation
1864 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Russkoje Slovo"
(Das russische Wort). Laut Torsten Rüters machte er darin jedoch
erst recht einen "lamarckistischen Darwinismus in Russland populär",
denn er verfehlte das "essentiell Neue an Darwins Idee - das Ineinandergreifen
von Variabilität und Selektion", indem er die "Zweckmäßigkeit
in der Organismenwelt als durch bewußte Zielstrebigkeit und Willensanstrengung
erwirkte Umweltanpassung der Organismen" erklärte. "Seine
Ausführungen waren konzipiert als ideologische Waffe in den Auseinandersetzungen
der 1860er-Jahre um die Erneuerung der russischen Gesellschaft..."
Und diese Kämpfe reichten Für
die gesamte russische Literatur dieser Epoche war es laut Rosa Luxemburg
kennzeichnend gewesen, "daß sie aus Opposition zum herrschenden
Regime, aus Kampfgeist geboren wurde". Ein Jahr bevor Nikolai Tschernyschewski
seine Erzählung "Was tun?" veröffentlichte, erschien
im "Russki westnik" (Russische Nachrichten) Iwan Turgenjews
Roman "Väter und Söhne. Er skizzierte darin als erster
den "Neuen Menschen" - den Revolutionär als "Beweger",
wie er bald geradezu massenhaft in Erscheinung treten sollte. Die Handlung
spielt Ende der Fünfzigerjahre und die Hauptfigur darin, der Medizinstudent
Basarow, gehört noch zur Rasnotschinzengeneration, d.h. zu jener
revolutionären Bewegung, die nicht mehr wie die Dekabristen zuvor
von Adligen angeführt wurde, sondern von Leuten "unterschiedlichen
Ranges", Kleinbürgern also. Auch Tschernyschewski
bediente sich dann laut Torsten Rütting in seinem Buch eines "neurologischen
Vokabulars", um einerseits die Sexualität und die Beziehungen
zwischen den Geschlechtern neu zu verhandeln und andererseits diese
mit den damals aktuellen Debatten um die Neuordnung der Gesellschaft
zu verbinden. Dergestalt nimmt er die lamarckistischen Naturwissenschaften
in den Dienst der Zukunft des Neuen Menschen, der kontrolliert und rational
ein moralisches und sinnvolles Leben führt.
(Dieser Text eines Vortrags im Rahmen des Kongresses "Kommunismus. Was sonst." ist der 1. Teil eines Beitrags über den "Lamarxismus" für die Aufsatzsammlung "Anti-Darwin", die im Herbst 2006 im Kulturverlag Kadmos erscheint und von Helmut Höge, Peter Berz und Cord Riechelmann herausgegeben wird.) |
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